Die Öffentlichkeit ist ein Konstrukt. Sie ist das kollektive Bewusstsein, in dem die Überzeugungen einer Gesellschaft immer wieder neu verhandelt werden. Der öffentliche Raum ist die Bühne, auf der sich eine Gesellschaft präsentiert und repräsentiert. Kein Bereich wird intensiver umworben und umkämpft.
Die Öffentlichkeit ist ein Rohstoff. In den letzten Jahrzehnten haben Politik, Werbung, Unterhaltung und Wirtschaft ihre Techniken zur Gestaltung dieses Rohstoffs zunehmend verfeinert. Botschaften werden präzise platziert und inszeniert, mit dem Ziel, eine vordere Position auf dem umkämpften Markt der Bedeutungen einzunehmen. Fakten und Meinungen, Fiktion und Realität sind in diesem Prozess oftmals kaum zu unterscheiden. Es geht um Sichtbarkeit.
Hier kommen die dokumentarischen Künste ins Spiel. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Ausschnitt der Realität, heben ihn hervor, reflektieren und interpretieren ihn; machen ihn der Öffentlichkeit zugänglich. Persönliche Biografien und subjektive Erfahrungen werden offengelegt, Optionen getestet. Das Dokumentarische hat nicht selten die Form eines Coming-outs. Das Coming-out ist: Gegenpropaganda.
Was ist die Realität?
Vom 15. bis 19. April 2015 bot «It's the real thing – Basler Dokumentartage» ein breit gefächertes Programm mit Dokumentartheater, Performancekunst, Ausstellungen und Filmen von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern. Es gab experimentelle Ausflüge in die Realität mit jungen Schweizer Künstler:innen sowie Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops. All diese vielfältigen Angebote konzentrierten sich auf den öffentlichen Raum und die Realität nicht als etwas unbestreitbar Faktisches, sondern als einen Raum möglicher Sichtbarkeiten, der Selbstdarstellung, der Zurschaustellung, des Coming-outs und der Selbstermächtigung.
Wer auf die Bühne tritt und erzählt, macht seine Geschichte teilbar. Wer spricht, verwandelt. Was das Resultat ist, werden wir erst im Nachhinein verstehen.